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  • Patrick de Jong

Typische Fehler beim Skalieren des Netzwerkes - Teil 2/4: Der räumliche Aspekt

Aktualisiert: 24. Juli 2019

"Real estate is the key cost of physical retailers. That's why there's the old saw: location, location, location." (Someone at Amazon)

In der letzten Woche haben wir uns mit dem zeitlichen Aspekt von skalierenden Logistiknetzwerken auseinandergesetzt. In kurz: wie finde ich raus, wann ich Logistikressourcen schaffen muss? Das ist zwar nicht unbedingt das erste, was man angehen sollte, als Problemstellung aber schnell nachvollzogen und vom Lösungsweg nicht allzu verwoben. Eine andere Fragestellung, die ähnlich schnell verstanden, aber bei Weitem nicht so schnell gemeistert ist, ist die der räumlichen Platzierung von Logistikressourcen.

Im Regelfall folgt diese Frage im Anschluss an die (regelmäßige) Beantwortung des zeitlichen Aspekts. "Wir brauchen in 2,5 Jahre einen weiteren operativen Standort. Wo sollten wir den nun idealerweise platzieren?“ Mit möglichen Lösungsansätzen für derartige Problemstellungen befassen wir uns im zweiten Artikel dieser vierteiligen Serie.


Der räumliche Aspekt von Logistikstandorten

Logistik befasst sich mit der Planung, Steuerung, Optimierung und Durchführung von Güter-, Informations- und Personenströmen. Im E-Commerce geht es im Regelfall um Güterströme. Auch für Personenströme ist der räumliche Aspekt zwar von Bedeutung, er kommt im Feld unserer Wahl aber nicht mehr so häufig zur Geltung. Was man leicht vergisst: auch für Informationsströme haben räumliche Distanzen mal eine Rolle gespielt, das ist heute natürlich nicht mehr der Fall, mal abgesehen von der Frage wo welche Daten gespeichert werden und wer dadurch darauf Zugriff hat.

Visualisierung einer sogenannten Centre of Gravity Analyse

Es geht uns also als E-Commerce-Logistiker meistens darum, Güter durch unser Netzwerk fließen zu lassen. Das Netzwerk besteht aus Knoten und Verbindungen zwischen diesen Knoten. Abstrakt betrachtet werden Güter in den meisten Fällen an den Knotenpunkten gelagert und prozessiert und auf den Verbindungen lediglich bewegt. Da sich die Verbindungen - mal abgesehen von Routing-Entscheidungen – aus den Knotenpunkten ergeben, beschränken sich räumliche Entscheidung auf das setzen von Knotenpunkten auf der europäischen oder gar globalen Landkarte.

Nicht alle Knotenpunkte sind variabel platzierbar. Unsere Endkunden werden wir auch mit Discount-Codes kaum zum Umziehen bewegen können. Die wenigsten E-Commerce-Unternehmen haben heute schon ihr eigenes Netzwerk zur Auslieferung und geben einen Teil der Supply Chain Operations also an Partner ab. Selbiges gilt manchmal auf der (meist als sekundär betrachteten) Zuliefererseite: oftmals sind die Produktionsstätten nicht in eigener Hand und ihre Knotenpunktkoordinaten daher vorgegeben.

Wenn man also auf der Inbound- als auch auf der Outbound-Seite Fixpunkte hat, beschränkt man sich auf die Optimierung des eigenen Netzwerkes. Dabei gibt es zwei Arten von Variablen: die, die sich aus den entstehenden Verbindungen ergeben und die, die sich aus dem Knotenpunkt selbst ergeben.

Offensichtliche Verbindungsvariablen sind zunächst einmal zwei: Kosten und Zeit. Trivialerweise kostet ein Linehaul-Transport von Erfurt nach Barcelona nun mal beides. Beide können auch für den Knotenpunkt selbst gelten, Kosten sind da etwas eingängiger zu verstehen: man wird im Zweifelsfall auf dem Land günstiger wirtschaften können als in einem Standort am Berliner Gendarmenmarkt. Dabei spielen natürlich sowohl Lohnniveaus als auch Mieten, Investments und damit verbundene Zinsen, Steuern und andere Aspekte eine Rolle. Weitere Variablen der Knotenpunkte sind aber auch Einzugsgebiete von Arbeitskräften und Kunden und sonstige infrastrukturelle oder baurechtliche Gegebenheiten. Dazu kommt, dass die Verfügbarkeit von geeigneten Gebäuden oder Bauland in den begehrten Regionen stetig zurückgeht.

Somit erscheint die Fragestellung nach der Platzierung eines neuen Standortes schon bei einem einzigen Standort relativ komplex. Es bedarf einer ziemlich umfassenden Due Diligence um nichts auszulassen, und einer durchdachten Bewertungsmatrix um eine fundierte Entscheidung treffen zu können.

Für einen Großteil der oben genannten Knotenpunkt-Variablen reicht Recherche bzw. Einkauf von Informationen. Die Aspekte Zeit und Kosten allerdings sind dagegen ziemlich individuell und müssen im Regelfall explizit modelliert werden. Derartige Modelle gibt es in unterschiedlichsten Komplexitätsstufen. Wir unterscheiden Modelle zur Visualisierung und Modelle zur Optimierung.

Erstere beschränken sich darauf, die Ergebnisse eines überschaubaren Lösungsraumes zu berechnen. Die Ergebnisse gehen dann in die oben genannte Bewertungsmatrix mit ein und unterstützen so den Entscheidungsprozess. Sie eignen sich insbesondere für eine initiale Orientierung, Entscheidungen unter Zeitdruck oder bei begrenzten Alternativen und verursachen verhältnismäßig niedrigen Aufwand.

Optimierungsmodelle andererseits suchen aus einem sehr großen Lösungsraum die besten Optionen heraus. Sie stützen sich daher meist auf mathematische Konzepte und Programmiersprachen beziehungsweise spezielle Software-Lösungen. Sinnvoll ist das insbesondere bei großen Netzwerken mit signifikantem Wachstum, beim Setzen mehrerer Standorte oder bei langfristigen strategischen Überlegungen.

Beide Modelltypen funktionieren über gewichtete Verbindungen und Kostensätze und suchen unter Berücksichtigung von Bedingungen die niedrigste Summe (aller Kosten oder aller Zeiten). Dieses Konzept nennt man unter anderem Centre of Gravity Analyse im logistischen Kontext.

Hierbei zu beachten ist, dass selbst eine korrekte durchgeführte Standortanalyse für den nächsten Standort auf lange Sicht kein optimales Ergebnis geliefert, da sich das Netzwerk weiterentwickelt. Fünf Standorte, die iterativ bestimmt wurden werden nicht das selbe Ergebnis liefern können, wie fünf simultan bestimmte Standorte. Dieses Problem lässt sich natürlich nicht vollends in den Griff kriegen, wohl aber durch Erweiterung des Zeithorizonts eindämmen.

Diese kurze Übersicht zur Problematik kann natürlich nur an der Oberfläche kratzen. Zahlreiche interessante Fragestellungen verbergen sich hinter diesen Ansätzen, beispielsweise wie man einen guten Proxy für die vom Kunden wahrgenommene Lieferzeit ermittelt oder wie man Kosten und Zeiten gegeneinander rechnet. Gerne tausche ich mich bei Bedarf mit euch dazu aus, meldet euch gerne unter LinkedIn / Xing / Contact.

Wir sind gespannt auf dein Projekt.

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